Zufällig Sydney

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Wir hätten Sydney nie kennengelernt, wenn es nicht auf dem Weg nach Vanuatu gelegen und wir dort ohnehin hätten zwischenlanden müssen. Sydney war uns einfach keine Reise wert. Wenn man schon einen entlegenen, mehrere tausende Kilometer entfernten Ort ansteuert, dann darf es, bitte schön, ein bisschen wilder, exotischer, andersartiger sein als “Sydney”, alias “auch bloß eine schöne Stadt mit gemäßigtem Klima in einer westlichen Zivilgesellschaft”. Chile, Madagaskar, Vietnam oder eben Vanuatu – irgendetwas dieses Kalibers fällt sicherlich eher in die Kategorie der Orte, an die wir einmal zu reisen hoffen und von denen wir uns wahrlich neuartige Eindrücke versprechen. Wenn das Budget hinsichtlich Zeit und Geld, wie bei uns und den allermeisten auch, begrenzt ist, muss man mit diesem eben gut haushalten und will dann möglichst etwas erleben, was mit dem Alltag zu Hause möglichst wenig gemein hat.

Und dann kam Sydney. Was für eine Stadt, was für tolle Menschen und welch grandiose Natur! Es ist nicht allein die Reise ins große Unbekannte, entlang von Garküchen und versteckten Stränden oder menschenleeren Berghängen, die es wert ist, gereist zu werden. Manchmal lässt die scheinbare Nähe zur eigenen Kultur die immer bestehenden Unterschiede und Besonderheiten gerade besonders prägnant hervortreten.

Da ist zunächst die Herzlichkeit der Menschen. Der Busfahrer, der uns ein Stück gratis mitnimmt, der Sicherheitsmann auf einer Baustelle, mit dem wir ins Gespräch kommen, und der uns alles über Millers Point erzählt, die Pub-Besitzerin, die uns vor einem etwas lädierten Stammgast bewahren will, ein junger Sydneysider aus der Werbebranche, der in einem Museum eine Privatführung initiiert, weil er in seiner Mittagspause immer herkommt und alles über die Bilder weiß. Sicherlich, das kann einem genau so auch in Berlin passieren und ich bin die erste, die diese Stadt im speziellen und Deutschland im allgemeinen gegen den Ruf als Ansammlung von abweisenden, unfreundlichen Menschen verteidigt. Und überdies hängt ja auch immer viel davon ab, wie man selbst den Menschen begegnet (wie es in den Wald hineinruft…). Aber diese freundliche “no worries”-Mentalität hatte bei unserer siebentägigen Stichprobe Ausmaße erreicht, die nur den Schluss zulässt, dass unfreundliche Australier sämtlich auf irgendeine abgelegene Insel (hoffentlich nicht Vanuatu!) verbannt worden sind. Wobei das Leben in und mit dieser einzigartigen Natur sicherlich der guten Laune nicht gerade abträglich sein dürfte…

Weihnachtsstern im Sommer

Weihnachtsstern im Sommer

Womit wir bei Punkt 2 wären: Flora, Fauna, Klima. Bedürfte es eines bestimmten Wertes auf der Exotik-Skala um ein Land zum Reiseziel zu erheben, würde Sydney in dieser Kategorie kräftig Punkte scheffeln. Was ist dies für ein Vogel, guck mal da wächst eine Avocado vor unserem Haus, hast du das gesehen, schwimmt da ein Wal? Wir haben zwei Tage am Wasser (Bondi Beach, Manly) und auf Wanderungen an der Küste verbracht und konnten gar nicht genug bekommen von den vielen Pflanzen und Tieren, die wir dabei “neu entdeckt” haben. Kakadus fliegen frei durch den Park, Wale wandern entlang der Küste. Was in Deutschland ein tristes Dasein als Zimmerpflanze fristet, kann sich im milden Winter Sydneys zu voller Pracht entfalten. Wer hätte gedacht, dass ein ordinärer Weihnachtsstern das Potential hat, sich zum annähernd 1,50m großen Baum zu entfalten?

Und den Australiern scheint der unschätzbare Wert dieses Gutes vollauf bewusst zu sein. Nirgends habe ich bisher so saubere Strände und Wanderwege gesehen wie hier. Natur zählt hier etwas und ein Tag am Strand ersetzt den besten Psychiater. Auch auf den gefährlichen, weniger knuffigen Teil der Tierwelt lässt man hier nichts kommen. “Der Hai war ja schließlich schon immer da, das Wasser ist sein Element.” Die Menschen hier scheinen ihren Platz zu kennen.

Eine Sache indes gibt es, die der Australier nicht kann: Fan sein. Wir haben ein Rugby-Spiel der Waratahs gegen die Brumbies besucht und sind voller Vorfreude über die günstigen Tickets und das erste Rugby-Match unseres Lebens im alten Olympia-Stadion aufgelaufen und… tja.

Waratahs vs. Brumbies

Waratahs vs. Brumbies

Am Spiel kann es nicht gelegen haben, das war sogar für uns unwissende Anfänger interessant anzusehen, zumal es in diesem Spiel um nicht weniger als die Tilgung der Schmach aufgrund einer vorherigen vernichtenden Niederlage der Waratahs ging. Aber das war den Fans leider nicht anzumerken. Nach jedem “Try” (=Tor) wurde höflich geklatscht, aber Anfeuerungen für die Mannschaft oder gar Choreographien der Fans, wie man sie aus der Bundesliga kennt: Fehlanzeige! Und kaum war das Spiel abgepfiffen, leerte sich das Stadion, nachdem ein letztes Mal kurz höflich geklatscht worden war, schlagartig. Was allerdings auch ausblieb: Pöbeleien und dumme Sprüche, wie man sie sonst an Bundesliga-Wochenende von einigen der die Regionalzüge bevölkernden (und zum Teil schon stark alkoholisierten) Fans durchaus gewohnt ist, gab es nicht. Das mag an umfassenden Alkoholverboten (auf nahezu allen öffentlichen Plätzen) liegen, oder daran, dass sich erst gar keine Anspannung aufgebaut hatte, die jetzt mittels Aggression wieder abgebaut werden müsste. Am wahrscheinlichsten erscheint mir da aber doch die unter Punkt 1 entwickelte Theorie – no worries, mate.

Sydney, hätte ich nicht schon ein Zuhause, ich würde dich gerne zu meinem machen. Und wenn man vom Reisen gar nicht mehr zurückkehren will, war es dann nicht eine Reise wert?

Manly

 

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